| Hermann
Blumenthal (1905-1942) |
"Ich
wünsche mir nur, weiterhin regelmäßig nach der Natur
arbeiten zu können, dann glaube ich allmählich das formen
zu können, was mir vorschwebt."
Im Mittelpunkt von Hermann Blumenthals Arbeiten steht die menschliche Figur. Sie ist das einzige Thema seiner Zeichnungen, graphischen Arbeiten, Reliefs und Plastiken.
Trotz der relativ kurzen Schaffenszeit von 15 Jahren, zeichnet sich
innerhalb der erhaltenen Skulpturen eine starke formale Entwicklung
ab: sie nehmen die vielfältigen Einflüsse der modernen französischen
und deutschen Bildhauerkunst auf und formulieren aber doch immer präziser
eine eigene künstlerische Konzeption und formale Gestaltung der
körperlichen und - unter dem Eindruck des Expressionismus - auch
geistigen Existenz des Menschen: Im Verlauf der dreißiger Jahre verändern sich die plastischen Arbeiten ein weiteres Mal: sie zeigen ein tektonischeres Verständnis vom Körper, die Figuren werden massiger - nicht monumentaler, aber dichter, und sind im Ganzen stärker an einem symmetrischen Empfinden orientiert. Die Haltungsmotive verschränken Arme und Beine nicht mehr vor dem Körper, und trotzdem wirken die Figuren nicht offen. Sie sind nicht auf ein Gegenüber oder auf den umgebenden Raum ausgerichtet, sie bleiben bei sich. Das formal Reduzierte, Strenge, die konzentrierte, lakonische Formulierung der künstlerischen Form gibt den Figuren sowohl etwas Zeitloses als auch existentiell Grundlegendes. In der Ausstellung sind plastische Arbeiten aus den verschiedenen Werkphasen zu sehen, die diese künstlerischen Zäsuren und Entwicklungen zeigen. Auch in den Zeichnungen zeigt sich die Blumenthals Intention, vom Naturvorbild ausgehend, etwas formen zu können, was seiner Vorstellung vom Menschen stärker entspricht als ein getreues Abbild von dessen physischer Erscheinung. Die Zeichnungen sind aber freier, wirken weniger endgültig als die Plastiken und bewegen sich in einem größeren formalen Spielraum: Neben Tuschezeichnungen, in denen der Schatten eine Rolle spielt, gibt es Bleistift-, Kohle- und Rötelzeichnungen, die dem Erfassen von Bewegung, Haltungsmotiven, Plastizität und Schwere auf der Spur sind. Auch in den Zeichnungen geht es nicht um die anatomisch korrekte Wiedergabe, sondern, abstrahierend vom konkreten Körper, um das Herausarbeiten von Gestalt'. Dennoch gibt es Zeichnungen, die Aktstudien im klassischen Sinne nahe kommen: denn es erfordert eine genaue Kenntnis und einen präzisen Blick für die natürlichen Gegebenheiten, wenn aus den beginnenden formalen Abweichungen und Abstraktionen die eine gesuchte, der eigenen künstlerischen Imagination ent-sprechende Form werden soll. So lassen sich viele seiner Zeichnungen als Grundlage verstehen zu dem, was Blumenthal wie ein moderner Prometheus als das von der eigenen Zeit und Erfahrung geprägte Bild des Menschen formen wollte; die eigene Sicht auf das, was den Menschen ausmacht. Seine schlichten Figuren sind in der Kunstkritik bisweilen als archaisch' bezeichnet worden. Der Begriff mag missverständlich sein, versucht aber ihr Wesentlichstes zu erfassen: sie verkörpern eine Form von Ursprung und Anfang, die dem Menschen noch möglich ist. |
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